Biennale Venedig 2017

Für 32 BM 2-Schüler/innen standen die Tage vom 22. bis 26. Juni 2017 ganz im Zeichen der aktuellen Kunstentwicklung, deren Puls alle zwei Jahre in Venedig gefühlt werden kann. Nicht nur die 57. Biennale hielt unerwartete Highlights für uns bereit, sondern auch die verschiedenen Ausstellungen am Rande der Grossveranstaltung.

Rätseln über einen geborgenen Bogenschützen aus Damien Hirsts Schiffswrack des ägyptischen Sklaven Cif Amotan ll

Mitten im Werk von Alicia Kwade – Sehe ich und wenn ja, wovon, wie viele und weshalb?

Im Gespräch mit Dawn Kasper

Zwei Stunden nach unserer Ankunft führte unser Weg bereits in die monumentale Schau von Damien Hirst, über welche in den Medien seit der Eröffnung gesprochen worden war. Gigantische Skulpturen aus Bronze, Marmor und Polyester empfingen uns in den Räumen der Punta della Dogana und lockten uns in die Welt der Schatzsucher. Ein fiktiver Schatzfund, der angeblich im Jahre 2008 vom Künstler selbst im Meer geborgen worden war, wurde hier präsentiert.

In der Ausstellung, die im strengen Sinne als Installation zu begreifen war, reichten sich Wahrheit und «Fake» die Hände. Mit einer Portion ironischer Boshaftigkeit wurde das Phänomen der musealen Kunstsammlung auf die Schippe genommen. Die Werke waren allesamt der Appropriation Art zuzuordnen und boten uns ein ideales Tummelfeld, um Kenntnisse über die antike Mythologie und christliche Ikonografie sowie über fremde Kulturen aus der Erinnerung zu holen.

Allerdings blieben einige Fragen unbeantwortet, so zum Beispiel auch die Frage, wer an den zahlreichen tonnenschweren bis sieben Meter hohen und formal mehr als fragwürdigen Werken überhaupt ein Interesse haben könnte. Das vernichtende Diktum der Journalisten, in Venedig könne man dem «künstlerischen Selbstmord» von Damien Hirst beiwohnen, wurde von einigen Lernenden als nicht abwegig empfunden.

Mit einem langen Fussmarsch durch die Stadt, der uns an mehrere wichtige Schauplätze der venezianischen Renaissance, zu Bellini, Tizian und Tintoretto brachte, trafen wir zur Mittagszeit auf dem Biennalegelände ein. Die kuratierte Schau im Arsenale beeindruckte uns alle sehr. Besonders Alicia Kwades Installation, die unsere Wahrnehmungsfähigkeit auf die Probe stellte, verblüffte jeden. Dem Anspruch der Kuratorin, Kunst als transformierendes Medium zur Weltverbesserung vorzustellen, entsprachen feinsinnige Performances und Installationen, die mit einigen Erläuterungen rasch zugänglich wurden.

Ein kurzfristig eingefädeltes Künstlergespräch mit der New Yorker Performerin Dawn Kasper, die sich als lebendes Kunstwerk versteht, gehörte zu den Sternstunden unserer Reise. Verschiedene Fragen wie, ob Künstler käuflich seien oder ob die Gegenwart der Besucher bereits ein transformierender Akt des von Kasper installierten Werkes sei, gehörten zu den nicht eben alltäglichen Gedanken, die wir mit Dawn Kasper mitten in ihrem künstlerischen Environnement austauschten.

Ohne es zu merken wurden wir dadurch selbst Teil der Kunst. Zurück blieb ein erweiterter Blick auf das Phänomen Kunst und auch Rührung über einen äusserst persönlichen Gedankenaustausch mit Tiefgang, zu welchem uns ein (lebendes) Kunstwerk verhalf. So können wir also die transformierende Kraft der Kunst, wie sie die Biennale-Kuratorin postulierte, aus erster Hand bezeugen.

Zudem hatten wir die seltene Gelegenheit, der mit dem Goldenen Löwen preisgekrönten Performance von Anne Imhof beizuwohnen, die in voller Länge nur viermal während dieser Biennale gezeigt worden war. Leider war der unvergessliche Eindruck nicht allen von uns beschieden. Die nach vierstündiger Performance ausgelaugten Darsteller boten ein vieldeutiges, beeindruckendes, lautes und vor allem schauriges Spektakel. Umgeben von ihrem Publikum, das fliessend in die Performance überging, wurde im Deutschen Pavillon eine Stimmung erzeugt, die von Paranoia, Isolation und Irritation getragen war und uns alle so nachhaltig bewegte, dass noch während unseres gemeinsames Abendessens heftig darüber diskutiert wurde.

Natürlich nahmen wir uns auch Zeit, im nahe gelegenen Padua die Fresken Giottos und Giusto di Menabuois anzusehen. Der Blick in die mit reinem Lapislazuli freskierten Szenen der Kapelle verfehlte ihre Wirkung nicht. Ihre Schönheit und technische Raffinesse setzte einen radikalen Kontrapunkt zu unseren Kunsterlebnissen in Venedig und machte zudem den Unterrichtsstoff der letzten Woche vor Ort live zugänglich.

Die Teilnehmer/innen der Reise, die aus fünf verschiedenen Klassen stammten, wurden zu einem eingeschworenen Team, das nur an wenigen Veranstaltungspunkten eigene Wege ging. So fanden wir uns immer wieder zusammen und erlebten eine Reise, die uns allen grossen Spass bereitete. Wir lernten uns aus unerwarteten Blickwinkeln kennen, erhielten tiefe Einblicke in die Kunstszene und einige erhielten die noch benötigten Inspirationen für die Erstellung ihrer eigenen gestalterischen Maturarbeit. Zurück in Zürich wurden noch auf dem Bahnsteig bereits Pläne für «das nächste Mal» geschmiedet.