«Literatur live 2025» zu Gast an der Berufsmaturitätsschule Zürich

Auch dieses Jahr konnten wir im November im Rahmen von «Literatur live» eine Autorin und zwei Autoren zu Lesungen in unserem Schulhaus begrüssen.

Christoph Fellmann

Natalie Schmid

Thomas Strässle

Den ersten Auftritt machte Christoph Fellmann. Er arbeitete rund 20 Jahre als Journalist für regionale und nationale Zeitungen, unter anderem für den Tages-Anzeiger, Das Magazin oder die NZZ, und war immer wieder auch fürs Theater tätig. Nach Beendigung seiner Journalistenlaufbahn ist er nun als freischaffender Theatermacher, Schauspieler und Organisator tätig, aktuell in Luzern für das «aha – ein Festival für Wissen». Der recherchierende und dokumentierende Ansatz ist Fellmanns Hauptmerkmal in seiner Theaterarbeit. In seiner neuesten Produktion «Die grosse Menschenschau» (Buch/Video/Theater) dokumentiert er reale Personen, die Monologe führen, welche teilweise grotesk anmuten. Der Autor und Regisseur zeigte dem Publikum einen Filmausschnitt über eine südkoreanische Mutter, die mithilfe einer VR-Brille mit einem generierten Avatar ihrer verstorbenen siebenjährigen Tochter spricht. Dieser Avatar wurde anhand von Erinnerungen wie Fotos, Videos von Familienfeiern oder Sprachnachrichten auf dem Smartphone erschaffen, die nach dem Tod des Kindes zurückgeblieben waren. Die Begegnung der Mutter mit dem Avatar ihrer verstorbenen Tochter war sehr berührend und zugleich bedrückend. Man erlebte, wie die Mutter Mühe hatte, Realität und virtuellen Raum voneinander zu trennen. Dieser Monolog warf die Frage auf, wie man mit diesem Thema umgeht und was es mit einem selbst zu tun hat.

Natalie Schmid liebt es zu schreiben, und sie tut es schon lange. Ihr Lebensweg nach der Matur führte sie zunächst auf zahlreiche Reisen rund um die Welt, aber auch als Hirtin auf eine Alp und anschliessend in die Bergbauernschule, bevor sie sich unter anderem dem Schreiben widmete. Sie hat mehrere Bücher mit Gedichten und lyrischen Erzählungen veröffentlicht. Auf ihren Stationen des Lebens, aber auch im Alltag, verarbeitet sie Erlebtes in schriftlicher Form. In ihrem neuesten Werk «Ein anderes Wort für ‹einverstanden›» schrieb sie Gedichte über Begebenheiten aus ihrem Leben, etwa über eine junge, gut gekleidete Frau, die am Zürichsee die Verpackung ihres Fast-Food-Lunches achtlos ins Gebüsch warf – Alltagssituationen, die wohl nicht nur Natalie Schmid nachdenklich machen. Während früher ein Gedicht zwingend einem Reimschema folgen musste, ist heute eine freie Form der Lyrik zeitgemässer und findet schneller Anklang bei den Leserinnen und Lesern, so Natalie Schmid. Ihr Tipp für die Lernenden: Wenn man weiss, für wen man schreibt, erleichtert dies den Schreibprozess.

Mit besonderer Spannung wurde die Lesung von Thomas Strässle erwartet, ist er doch bekannt als Literaturkritiker beim Literaturclub von SRF. Er präsentierte sein erstes Buch «Fluchtnovelle». Zu Beginn erläuterte der Autor Goethes Definition einer Novelle: Sie sei «eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit». Diese «unerhörte Begebenheit» war die Flucht seiner Mutter – mit Hilfe seines Vaters – aus der damaligen DDR. Vielleicht auch deshalb, weil die Lernenden die DDR nur noch aus Filmen und Geschichtsbüchern kennen, folgten sie seinen Ausführungen neugierig und sehr konzentriert. Die grosse Frage, wann eine Geschichte erzählenswert ist, beantwortete der Autor selbst so: «Wenn sie gut, spannend, spektakulär und darüber hinaus auch wahr ist.» Er fesselte die Zuhörerinnen und Zuhörer von der ersten bis zur letzten Minute mit den Schilderungen dieser eigenen dramatischen Familiengeschichte. Die zahlreichen Fragen beantwortete er präzise und ausführlich. Diese «Geschichtsstunde» wird den Lernenden vermutlich noch lange in Erinnerung bleiben.