Studienreise: «Die Wiener Moderne» und andere Klassiker

Aktuelle und ehemalige Lernende aus verschiedenen Klassen der Ausrichtung «Gestaltung und Kunst» machten sich am Ostermontag gemeinsam auf den Weg nach Wien.

Ein wegweisender Bau der Wiener Jahrhundertwende: Otto Wagners Postsparkasse, 1904-06 erbaut und mit den damals neuen Werkstoffen Linoleum, Aluminium und Glassteinen ausgestattet.

Ein wegweisender Bau der Wiener Jahrhundertwende: Otto Wagners Postsparkasse, 1904-06 erbaut und mit den damals neuen Werkstoffen Linoleum, Aluminium und Glassteinen ausgestattet.

Franziska, Audwin und Cellini im Gespräch.

Franziska, Audwin und Cellini im Gespräch.

Von Rätsel bis Rothko – spielen und staunen im Kunsthistorischen Museum in Wien.

Von Rätsel bis Rothko – spielen und staunen im Kunsthistorischen Museum in Wien.

Fragende Blicke bevor es unter die Grabplatte geht.

Fragende Blicke bevor es unter die Grabplatte geht.

Unser Motto «Die Wiener Moderne» liess sich in der ehemaligen Kaiserstadt buchstäblich auf Schritt und Tritt begehen. Kurz nach Ankunft bummelten wir bereits entlang des Rings, wo die Stadt- und Architektur­entwicklung des späten 19. Jahrhunderts anschaulich nachvollziehbar wurde. Die historistischen Ring-Bauten lieferten die markante Bühne für das visionäre Haus am Michaelerplatz, für das Adolf Loos um die Jahrhundertwende Ruhm und Spott erntete.

Tags darauf rollten wir die Innenstadt unterirdisch auf und fanden uns morgens vor einer der ältesten Kirchen der Stadt ein. Wir hatten vor, die Grüfte und Teile des weitverzweigten Kellersystem zu begehen, das sich auf mehrere tausend Kilometer unter der Stadt ausdehnt.

Der morgendliche Blick auf die Grabplatten machte allen klar, dass für diesen Programmpunkt unserer Reise, wie angekündigt, starke Nerven gefragt waren. Schon kurz darauf erblickten wir nämlich die Unterseite der Platte und schauten auf das faltenfrei mumifizierte Antlitz der letzten Dame, die hier 1784 in einem schönen Rüschenkleid mit Haube und Seidenstrümpfen bestattet wurde und durch natürlichen Luftzug mumifizierte.

Unser Guide verstand es, uns mit kurzweiligen Anekdoten durch die kalte Gruft zu führen. So hörten wir vor dem Sarg des Pietro Metastasio von dessen «Tellerwäscherkarriere», die ihn vom Römer Strassendichter zum Hofpoeten Maria Theresias machte, und wir erfuhren neben allerlei historischen Fakten, dass General Lord Nelson auf das Glück der Mumifizierung leider habe verzichten müssen, da seine sterblichen Überreste in einem Brandy-Fass eingelegt von Spanien aus in die heimatliche Erde überführt worden seien. Zudem wurde unser Guide nicht müde, auf die schönen Zähne der Wiener Leichen hinzuweisen, deren Gebiss mit jenem von George Washington nicht zu vergleichen seien. Weshalb? Washington hatte mit 34 Jahren bereits eine Prothese getragen, die aus Holz geschnitzt war – zumindest teilweise, wie der guten Ordnung halber hinzugefügt werden muss.

Nach der eher makabren Tour sträubte sich niemand mehr gegen etwas Ästhetik bei Tageslicht. Ein Besuch von Otto Wagners Postsparkasse und der Designsammlung des Museums für angewandte Künste erweiterten unseren Blick auf die Wiener Moderne. Zudem erhielten wir die Gelegenheit, neue Facetten chinesischer Gegenwartskunst aus Uli Siggs Schau «Chinese Whispers» zu sehen.

Am späten Nachmittag kam uns dann ein willkommener Zufall entgegen: Wir entschlossen uns, die Vorbesichtigung der jährlich stattfindenden Altmeister-Auktion in einem der grössten Auktionshäusern der Welt anzuschauen. Das gab uns die seltene Gelegenheit, Gemälde in ihrem «Urzustand» zu sehen: Von schadhaften Werken bis zu ungereimten Kompositionen italienischer Meister war hier eine Fülle von Dingen zu diskutieren, die in keinem Museum ans Licht gelangen.

Am kommenden Tag widmeten wir uns den klassischen Meisterwerken des Kunsthistorischen Museums vor Ort: Werke von Bruegel, Vermeer, van Eyck, Rubens, Rembrandt nahmen uns ein, und auch auf Cellinis Salzfass warfen wir einen Blick und versuchten uns vorzustellen, wie diese freihändige Treibarbeit, die als unnachahmlich gilt, wohl entstanden war. Alle wären wir gerne Teil jener Burschen-Party gewesen, die Cellini ausrichtete, um die Kostbarkeit einzuweihen. Der französische König François I. schenkte ihm die Goldarbeit zurück, da er sich dieses Meisterwerkes angeblich als nicht würdig erachtete.

Eine grosse monographische Ausstellung zu Mark Rothko lockte uns schliesslich in den Haupttrakt des Hauses, wo wir die seltene Gelegenheit hatten, ein breites Spektrum des künstlerischen Schaffens des Abstrakten Expressionisten zu sehen. Rothkos Anfänge bezogen sich auf klassische Werke Vermeers und Rembrandts, die wir in der Altmeister-Abteilung am Vormittag besprechen konnten. Daraus entwickelten sich die grossformatigen Colorfield Paintings, die heute so bekannt sind. Die Ausstellung gab uns einen eindrücklichen Überblick über das Lebenswerk Rothkos.

Ein Team von sieben Unermüdlichen machte sich anschliessend noch auf, um spielenderweise die Kunstwerke anderer Abteilungen des Museums zu erkunden. Wir erhielten dazu dutzende Couverts, Spielanweisungen, geheimnisvolle Pläne und Codes, mit Hilfe derer wir uns gemeinsam durch die Abteilung der Ägypter, Griechen und Römer rätselten.

Abends versammelten wir uns in einem zauberhaften Garten für ein üppiges gemeinsames Wiener Essen. Die Reise klang bei einem wunderbaren Konzert des Mozart-Ensembles aus, das wir in einem kleinen Saal im Haus des Deutschen Ordens nahezu als Privatkonzert geniessen konnten, da unsere Gruppe die Hälfte aller Zuhörer/innen ausmachte.

Vollkommen beschwingt von den Klängen der Salzburg Symphonie, die der 16-jährige Mozart komponierte, nahmen wir alle zusammen im passenden Ambiente – in  der American Bar, die Adolf Loos 1908 gestaltete – noch einen letzten Schlummertrunk, bevor uns die Bahn am kommenden Tag wieder nach Hause brachte.